Der ganz normale Wahnsinn

Am nächsten Morgen strotzten wir der Windvorhersage und lichteten den Anker zum Sonnenaufgang. Kaum aus der Bucht flog uns schon die Gischt um die Ohren. Schnell die Sprayhood vorne schliessen und die Segel setzen. Autopilot rein und bis Kytnos das Unterwasserschiff polieren. Die 10 Knoten waren schnell erreicht und so flogen wir gen Westen. Die Kids, wurden durch eine heftige Welle aus ihren Kabinen gescheucht. Die Kombination aus offenen Luken und hohe Wellen erübrigten das morgendliche Waschen. So ging es also feucht, sauber, wütend und mit nassen Matratzen nach Westen. Nach knapp 5 Stunden war die Bucht von Loutra erreicht. Keine 100 Meter vor der Hafeneinfahrt habe ich die Segel geborgen um beim Starten des Motors sogleich festzustellen, dass sich nichts tat. Natürlich wusste ich, dass man nie so nahe ran segeln sollte, schon gar nicht, wenn der Wind einen gegen die Felsen drückt. Natürlich. Geistesgegenwärtig öffnete ich das Vorsegel und steuerte das Boot auf einen Vorwind Kurs Richtung Felsen. Erstmal Fahrt aufnehmen, handlungsfähig bleiben, heisst die Devise. Sobald ich etwas Geschwindigkeit hatte, halste ich und steuerte das Boot in die nahe gelegene Bucht. Gleichzeitig ersuchte ich per Funk um Hilfe. Vergeblich. Die Kinder waren zu dem Zeitpunkt bereits unter Deck und bereiteten die Evakuierung vor. Ich wollte nicht bei zwei Meter Welle mit dem Boot auf die Felsen auflaufen, dann lieber die Familie vorher evakuieren. Mit einigen Knoten lief ich also den Felsen entlang. In der Bucht Ankern war der Plan. Ein Versuch, keine zweite Chance. Die Bucht war schmal, vielleicht 80 Meter breit. Wenn ich es um die Felsen schaffen würde, dann könnte ich im Lee der Felsen aufschiessen und den Anker fallen lassen. Würde er halten? Mit 4.5 Knoten schossen wir in die Bucht, ich barg die Genua um die Geschwindigkeit zu reduzieren. Aufschiessen jetzt! Ich drehte das Boot in den Wind und hoffte die Fahrt würde sich genügend verringern. 15 Tonnen stossen gewaltig. 30 Meter von den Felsen entfernt. 25, 20, 15, 10 - Anker fallen! Meine Frau liess den Anker fallen uns signalisierte mir per Handzeichen, dass sie 20 Meter Kette legte. Ich beobachtet und spürte sofort, wie das Boot wieder vom Felsen rückwärts weg driftete. Gut so! Über die Schulter sah ich die andere Uferseite auf uns zukommen. Ein kurzer Ruck an der Kette und ich spürte, der Anker hält. Wahnsinn, wir haben es geschafft.
Nochmals den Hafen per Funkt um Hilfe gerufen, keine Antwort. Wohl Siesta. Kurz durchatmen und die Fehlersuche beginnen. Erstmal alles frei legen, dazu muss das Sofa und der Tisch abgeschraubt werden. Die Bodenbretter zu den Batterien müssen weggenommen werden und das Panel, welches die Zündung beherbergt, abgeschraubt werden. Mittels Multimeter wird von der Batterie her Richtung Motor und von der Zündung Richtung Batterie gemessen. Meine Vermutung, dass sich die Starter Batterie entladen haben musste (nur wie?) lag nahe. Oder doch ein Relais? Glücklicherweise habe ich mehrere Verbraucherbatterien an Bord, welche autark über die Solaranlage geladen werden. So konnte ich mittels zwei Reservekabeln eine der Verbraucherbatterien direkt an den Starter hängen und die Elektronik übergehen. Noch nie haben wir uns beim Starten des Motors so gefreut. Wenig später liefen wir glücklich in den kleinen Hafen von Loutra mit gehörig Seitenwind ein. Dass wir drei Versuche brauchten bis wir die Heckleinen festmachen konnten und der Anker auch dann noch slippte war irgendwie egal. Ich hab den Anker unter Beobachtung der gesamten Chartertruppen dann per Dinghy ausgelegt. Wir waren nur glücklich, dass das Boot sicher an der Mole lag. Windgeschwindigkeiten von über 45 Knoten (90Km/h) waren angesagt. Später wurde uns so richtig klar, wie viel Glück wir hatten. Am Abend musste ich daran denken, wie ich mir auf dem Zugersee jeweils einen Spass daraus machte, mein Boot ohne Motor durchs Bojenfeld zu zirkeln und mittels Aufschiesser an der Boje festzumachen. Gelernt ist eben gelernt.
Nur das mit dem evakuieren und den Kids müssen wir nochmals üben. Lego, Nintendo und Süssigkeiten wären jetzt nicht meine erste Wahl gewesen.

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