Kriegsschiffe und Komisches

Die Überfahrt von Sardinien zum Italienischen Festland war ein Kraftakt. Über 160 Meilen mit selten unter 20 Knoten Windgeschwindigkeit. Zugute halten kann man ihm, also dem Wind, dass er aus achterlicher Richtung kam. Das Segel einmal gesetzt, musste ich in den nächsten 28 Stunden weder die Grossschot noch der Traveller einmal bedienen. Wenn das nicht konstantes Segeln ist. Der Autopilot machte seine Arbeit ohne Pause und zu unserer vollsten Zufriedenheit. Einzig die Wellen machten uns zu schaffen. 10.6 Knoten Topspeed standen am Schluss auf der Anzeige. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass wir nur mit dem Gross gesegelt sind. Im Hafenbecken in Ponza dann endlich das erlösende Ankern und Ausruhen. Mit neuer Energie verlassen wir am nächsten Morgen Ponza in Richtung Capri. Gegen 09.00 Uhr klopf Atl an die Türe der Bordtoilette, ich müsse unbedingt sofort nach oben kommen. Ein 'Kriegsschiff' sei hinter uns. Etwas verunsichert beende ich mein Geschäft um wenig später die Bootspapiere in ein Netz zu stecken, welches mir der Offizier der Guardia di Finanza an einem ca. 4 Meter langen Stock über die Reling hält. Die Wellen und der Südwestwind machen das Manöver nicht leichter. Wenig später folgt die Aufforderung per Funk ihm zu folgen. Auf meine Frage was denn nicht in Ordnung sei erhalte ich nur die Zielkoordinaten. Ich rechne kurz nach, 9 Stunden? So hab ich mir den Tag eigentlich nicht vorgestellt. Capri hätte es heute ja eigentlich werden sollen. Als er uns auch noch per Funk auffordert schneller zu fahren fiere ich das Gross demonstrativ etwas und funke zurück, dass wir ein Segelboot seien. Mehr als 5 Knoten seien bei dem Wind und ohne Erklärung nicht drinnen. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir die Hafenmauer in Formia. Kaum Festgemacht überreicht uns ein Mitarbeiter der Guardia die Finanza ein kühles Anlegebier. Na wenn das kein Service ist...Wenig später erfahren wir dann auch noch um was es genau geht. Unser Schiff werde beschlagnahmt. In Zeiten von Corona wenigstens mal wieder etwas Abwechslung denke ich. In den nächsten Tagen erfahren wir vom Staatsanwalt, dass die italienischen Behörden die holländische Registrierung beim Wassersportverband nicht mehr akzeptieren würden. Hätte uns das mal jemand im Juli gesagt, als wir die Registrierung um weitere zwei Jahre verlängert haben.
So hat unsere Reise im wahrsten Sinne eine ungewohnte Wende genommen. Wenigsten müssen wir so keine Liegegebühren zahlen. Und Wasser und Strom gibt's auch umsonst.

 

Die nächsten Tage verbringen wir also neben dem 'Kriegsschiff'. Nachdem ich dem Commandante klar gemacht hatte, dass wir weder Italienisch sprechen noch uns einen Anwalt leisten wollen verspricht er uns zu helfen. Wir setzen uns in der Zwischenzeit mit unserer Situation etwas genauer auseinander. Neben dem nationalen Schiffsregistern gibt es in vielen Ländern Verbände, welche eigene Bootsregistrierungen herausgeben und von den Versicherungen anerkennt werden. Da gibt es beispielsweise in Deutschland den ADAC welcher den 'internationalen Bootschein' ausstellt. In Holland stellt der Wassersportverband seit über 20 Jahren das 'International Certificate of Pleasure Craft' aus. Diese Registrierungen sind relativ günstig (33 Euro für zwei Jahre) und sehr unkompliziert per Mail zu bekommen. Der Commandate, mittlerweile Fan unserer Videos, erklärt uns also nach einem Rundgang auf seinem 'Kriegsschiff' wieso Italien das Papier nicht mehr anerkennt. Viele Flüchtlingshelfer bzw. humanitäre Organisationen hätten in der Vergangenheit Flüchtlinge an der Lybischen Küste aufgesammelt und nach Italien gebracht. Und nun ratet mal, wo die Organisationen die Schiffe registriert hatten? Genau! Beim Wassersportverband in Holland. Lange Rede kurzer Sinn. Italien hat das 'international certificate of pleasure craft' aberkannt und wir sind also faktisch mit einem nicht registrierten Boot unterwegs. Das die anderen Länder auf unserer bisherigen Reise die Registrierung anstandslos akzeptieren und Weltumsegler aus allen Erdteilen seit Jahren damit um die Welt segeln ist für die Italiener etwa genau so binden wie die Einhaltung der Maastricht Kriterien bei der Staatsverschuldung.

 

Wir bitten den Commandante doch mit dem Staatsanwalt zu reden und ihn davon zu überzeugen, dass wir unser Boot ins Winterlagen nach Roccella segeln können. So könnten wir dann im Winter eine neue Registrierung in Angriff nehmen. Zu unserer Überraschung steht der Commandante am Tag Fünf mit guten News vor unserem Schiff und zeigt uns die Ausnahmebewilligung vom Staatsanwalt. Wir können nach Kalabrien segeln. Das Schiff werde aber nach unserer Ankunft sofort wieder beschlagnahmt. Natürlich, was denn sonst. Ich unterschreibe also wieder einige Formulare und wir sind frei. Auf Zeit versteht sich. 6 Tage hat er uns gegeben. Wir haben 12 draus gemacht. Schliesslich war ja Capri, Neapel und Tropea noch auf dem Weg. Aber das ist eine andere Geschichte. 

 

Die Registrierung eines Bootes steht also nun auf der Agenda. Als Schweizer würde ja eine Schweizer Registrierung nahe liegen. Wenn da die Hürden mit den Kosten nicht wären. 1257 Franken plus ein Bootsgutachten von einem anerkannten Experten plus wiederkehrende 150 Franken pro Jahr. Total also etwa 3500 Franken inkl. des Gutachtens. Und dann wäre da noch das Mehrwertsteuerproblem. Die Schweiz ist ja bekanntlich nicht EU Mitglied. Nach Rücksprache mit Yachtagenten ist klar. Alle raten zum Polnischen Register. Sie verlangen knapp 500 Euro für die Registrierung inkl. Übersetzung. Der Hammer ist die Lebenslange Gültigkeit der Registrierung. Und natürlich ohne den in der Schweiz verlangten Gutachter. Tönt verlockend. Bis auf die 500 Euro. 

 

Dank einem Facebook Aufruf bin ich auf die Registrierung in Deutschland aufmerksam geworden. Ich dachte immer, dass ein Schweizer sein Schiff dort nicht registrieren kann. Bei den Verbänden wie beispielsweise ADAC stimmt das auch. Nur für Deutsche wie mir gesagt wurde. Es gibt aber noch das nationale Schiffsregister in Hamburg. Und da geht das sehr wohl, wie mir der Facebook Freund mitgeteilt hatte. Einzig eine Deutsche Adresse einer Vertrauensperson muss gewährleistet sein. Danke Carolin an dieser Stelle. Ein richtiger Schiffsregister Eintrag in einem EU Land für sagenhafte 88 Euro für 8 Jahre? Oder 11 Euro pro Jahr. Und das ohne Gutachten? Glauben tue ich's erst wenn ich es in den Händen halte. So habe ich also sämtliche Papiere für die Erlangung des Deutschen Flaggenzertifikates in den letzten Tagen vorbereitet und 88 Euro an das Bundesamt für Seeschifffahrt in Hamburg überwiesen. Mal schauen ob das klappt.  

 

Kaum in Roccella den Festmacher an der Klampe belegt steht auch schon der Commandante an der Hafenmauer. Mit einem Draht blockiert er die Steuerräder und den Gashebel um anschliessend mit seiner Spezialzange eine Plombe anzubringen. Beschlagnahmt! Auf die Frage, ob er nicht einfach die Schlüssel vom Boot wolle entgegnete er trocken legge é legge. Gesetz ist Gesetz. Na dann hab ich wenigsten die Schlüssel als Andenken, falls die Italiener unser Boot behalten.

 

Gestern wurde Kalabrien zur Zona rossa erklärt. Sprich Lockdown. Häfen wurden geschlossen und Bewegen ist nur noch für Arztbesuche, Arbeit, Einkaufen und Sport erlaubt. Restaurants und Bars wurden geschlossen. Wer das Boot verlassen will muss einen entsprechendes Formular dabei haben. Na da sind mir dann die Drähte am Steuerrad auch irgendwie egal. Wenigstens scheint die Sonne jeden Tag, die Hängematte hält und wir können unsere Klappräder für den Sport nutzen.  

 

Das Guardia die Finanza Käppi (Bild unten) hab ich wirklich zum Abschied in Formia geschenkt bekommen. Inkl. ein paar neue Follower auf Instagram.

 

La vita e bella! Irgendwie... 

 

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