Geheimtipp im Tyrrhenischen Meer?

Geheimtipp im tyrrhenischen Meer?

 

Nachdem wir am Vortag unsere Überfahrt von Palermo nach Levanzo abbrechen mussten und an der Westküste am San Vito lo Capo Schutz vor dem sich über Trapani aufbauenden Gewitter suchen mussten, begrüsste uns die Morgensonne umso freundlicher und liess das kristallklare Wasser am Ankerplatz im schönsten Blau erstrahlen. Wir wiederstehen dem Sprung ins klare Wasser und setzen stattdessen die Segeln in Richtung Ägadische Inseln. Levanzo heisst unsere erste Station. Eine der drei Inseln, welche gemeinsam die Ägadischen Inseln bilden. Favignana und Marettimo heissen die beiden grösseren der drei Inseln. Ich muss gestehen, dass ich bis vor kurzem noch nie von den Ägadischen Inseln gehört habe. Ob es am Fensterplatz des Geographieunterrichts lag? Oder sind diese Inseln einfach zu klein und unbedeutend? Oder etwa ein Geheimtipp? Wir lassen uns überraschen. Wir legen Kurs 210 Grad an, der im Sommer übliche Nordwestwind lässt uns mit 4-5 Knoten durchs Wasser gleiten. Nach knapp 20 Meilen erreichen wir die Bucht von Cala Fredda auf Levanzo. Zum Festmachen stehen diverse Bojenfelder zur Verfügung. Die 122 Euro (Segelboot 15 Meter, inkl. Fäkalientank) für den Wochenpass im Nationalen Schutzgebiet ‚Area Marina protteta’ der Inseln und die Berechtigung alle Bojenfelder nutzen zu können sind gut investiertes Geld. Die Parkmitarbeiter kommen morgens bzw. abends am Boot vorbei und kassieren die Gebühr. Nirgends im Mittelmeer haben wir auch nur annähernd viele Fische beobachten können. Die Ankerverbote in vielen Buchten tragen hier besonders dazu bei, dass diverse Korallenarten und Seegras und Grundpflanzen den Boden bedecken und einen Schutzraum für Fische und Meerestiere aller Art bieten. Mit dem Beiboot erreichen wir wenig später den Hauptort Levanzo. Wer den Film „7 Giorni“ des Schweizer Regisseurs Rolando Colla gesehen hat wird sich sofort zuhause fühlen und die Filmkulisse auf eigene Faust erkunden können. Der Besuch der Grotta del Genovese an der Nordwestküste ist ein einmaliges Erlebnis. Unser Versuch das etwas nördlich der Grotta liegende Bojenfeld Cala Tramontana zu nutzen und dann mit dem Beiboot an Land zu gehen scheiterte. Gerade bei Nordwestwind ist die Bucht sehr ausgesetzt und dem Segler bleiben nur die Buchten am Südzipfel um anzulanden. Zu Fuss erreicht man die Grotta in einer guten Stunde. Ritzzeichnungen aus der Steinzeit erwarten den Besucher. Ein Beleg dafür, dass die Inseln damals zu Fuss vom Festland aus erreicht werden konnte. 

 

Wir setzen Kurs gen Südwesten, Favignana. Der kräftige Nordwestwind lässt uns das erste Reff ins Grosssegel binden. Wir erreichen den Leuchtturm Punta Sottile kurz vor Mittag. Die geringe Tiefe um das Kapp lassen die Wellen plötzlich brechen und für kurze Zeit kommt Hektik auf. Wenig später steuern wir die Cala Preveto an der Südseite an. Mit einem Aufschiesser an die Boje üben wir unser Bootshandling und beenden den Segeltag mit Schnorcheln. Die Südseite der Insel bietet guten Schutz. Der Nordwestwind bläst mittlerweile mit 18 Knoten. Untypisch für den Sommer wie wir uns später sagen lassen. Moderate Winde seinen über die Sommermonate die Regel. Mit dem Beiboot erreichen wir den kleinen Fischerhafen östlich von Punta longa. Von da geht es in knapp 20 Minuten zu Fuss in den Hauptort Favignana. Favignana ist bekannt für die stillgelegt Thunfischfabrik am westlichen Ende des Hafenbeckens. Die zu einem Museum umfunktionierte Fabrik bietet spannende Einblicke in eine längst vergessene Zeit. Eine Zeit in der die Region vom Thunfischfang lebte, in der die Fische zu tausenden mit Netzten gefangen und an den vier Haupttoren der Fabrik entladen und später im Inneren verarbeitet wurden. Neben der Fabrik erinnern noch Berge von Fangeschirr und Anker an die Vergangenheit. Punta Marsala am Nordost Kapp der Insel sorgt kurz für etwas Verwirrung. Wir segeln hart am Wind mit gut 7 Knoten auf der Logge. Der Leuchtturm zu unserer Backbordseite bleibt störrisch bei einer 90 Grad Peilung stehen. Der Blick auf den Plotter und die Geschwindigkeit über Grund verrät die starke Strömung gegen an. Mit Motorunterstützung geht es den Felsen entlang nach Bue Marino. Die Boje von der  Badeplattform übers Heck aufnehmen müsste doch viel einfacher sein, dachten wir. Wir machen die Rechnung aber ohne die starke Strömung. Die Heckleinen einmal an der Boje festgemacht wollen wir das Boot über die Mittelklampe drehen bzw. am Bug festmachen und das Schwojen und den Druck auf dem Ruder etwas zu reduzieren. Beim Drehen des Bootes verlieren wir um ein Haar die Mittelklampe. Die Strömung dreht das Boot in wenigen Sekunden. Zu wenig Zeit um den zweiten Festmacher über Bug zu fixieren. Der Festmacher knarzt und die Klampe krächzt, das Boot krängt gefährlich zur Seite und die Boje ist längst Unterwasser verschwunden. Ein beherzter Griff zum Notfallmesser welches am Mastfuss festgezurrt ist, ein Schnitt und der Festmacher schnellt mit einem lauten knall durch die Luft. Etwas später sitzen wir auf den Felsen und lassen das Erlebnis nochmals Revue passieren. Unterschätze niemals die Kraft der Strömung. Gegen Nachmittag nimmt die Strömung ab und wir geniessen die warmen schroffen Felsen und das Türkis schimmernde Meer beim Schnorcheln, Sonnenbaden und Felsenspringen. 

Marettimo mit seinen 600 Einwohnern erreichen wir nach knapp 25 Meilen. Schon von weitem sind die schroffen Felsen und das Grün der Pinien zu erkennen. Schroff und urig wirkt die Insel beim näherkommen. Die nächsten Tage sind praktisch Windstill, so können wir den erlaubten Ankerplatz bei der Hafeneinfahrt nutzen. Der Untergrund ist felsig und der Anker lässt sich nicht wirklich einfahren. Wir vertrauen auf die 12mm dicke Kette und das Gewicht des Ankers. Bei Wellen und Wind ist ein Hafenplatz am schwimmenden Anleger für 100 Euro die Nacht zu empfehlen. Von 20.00 bis 08.00 Uhr kann auch der Fähranleger der Tankstelle kostenlos genutzt werden. Wir nutzen die Tage und erwandern die Insel. Dabei gefällt uns die Wanderung entlang des schmalen Pfades bis zum Castello di Punta Troia besonders gut. Die Normannische Festung wurde im elften Jahrhundert erbaut und später als Gefängnis genutzt. Umgeben von schroffen Felsen, grünen Pinien blickt man auf das tiefblaue Meer Wasser hinunter. Eine kleine Quelle sorgt auf halben Weg für Abkühlung und die Trinkflasche kann gefüllt werden. Wer den Rückweg nicht mehr gehen möchte, kann eines der kleinen Boote in der Cala Maniuni zu den Felsen winken und für 5 Euro zurückfahren. In Marettimo gibt es viele kleine Restaurants welche Ursizilianische Küche anbieten. Wir können den frischen Fisch in der Trattoria „Il Veliero“ empfehlen. Wollten wir nicht noch nach Sardinien, wir würden bleiben. Die Ägadischen Inseln sind ein wirklicher Geheimtipp im tyrrhenischen Meer. Angenehmes Segeln, gute Distanzen, perfekt instandgehaltene Bojenfelder, verschont vom Massentourismus, oft menschenleere Buchten, faszinierende Flora und Fauna und der einmalige Sizilianische Charme sind kaum zu toppen. Wir sind frisch verliebt!